Britta Redmann: Verwechsle niemals Zeit mit Leistung Warum die Arbeitszeitdebatte ehrlicher werden muss

Verwechsle niemals Zeit mit Leistung

Inhalt

Warum die Arbeitszeitdebatte ehrlicher werden muss

Die Arbeitszeitdebatte ist zurück. Ziemlich laut. Und irgendwie auch als grundsätzliche Infragestellung dessen, was in den letzten Jahren als arbeitsrechtlicher Fortschritt galt. Plötzlich steht wieder alles zur Disposition: die verpflichtende Arbeitszeiterfassung, das Recht auf Teilzeit, ja sogar die Idee, dass tägliche Arbeitszeit überhaupt eine relevante Kategorie sein muss.

Öl ins Feuer gießt dabei eine Gemengelage aus Fachkräftemangel, Produktivitätsdebatten und politischem Aktionismus. Und natürlich der „Krise“ (welche genau das ist, haben wir in der Diskussion aus den Augen verloren, es ist ja alles Krise…).

Statt über Wertschöpfung, Organisation und Führung zu sprechen, wird erneut an der Zeitschraube gedreht. Mehr Stunden sollen es richten. Weniger (andere?) Regulierung soll Freiheit bringen. Und Arbeitszeiterfassung wird nicht als Schutzinstrument verstanden, sondern als Symbol vermeintlicher Rückwärtsgewandtheit.

Dabei ist das Paradoxe: Wir hinterfragen gerade alles und denken trotzdem kaum neu. Die Kategorien bleiben dieselben, nur die Vorzeichen wechseln. Zeit wird weiterhin mit Leistung verwechselt, Anwesenheit mit Engagement, Kontrolle mit Produktivität. Die Debatte schwirrt irgendwo rum zwischen Deregulierung und Rückabwicklung, ohne die eigentliche Frage zu stellen: Woran messen wir Arbeit im Jahr 2026 eigentlich sinnvoll? Wo „brauchen“ wir mehr menschliche Arbeit und wo können wir sie angesichts der demografischen Entwicklung einsparen bzw. digitalisieren?

Arbeitszeit ist nicht gleich Arbeitszeit: Branchenrealitäten

So verlockend flexible Arbeitszeitmodelle klingen. Sie funktionieren je nach Branche völlig unterschiedlich. In den sogenannten White-Collar-Berufen, also insbesondere im Wissens- und Schreibtischkontext, fällt Teilzeit oft kaum auf. Ergebnisse werden geliefert, Meetings besucht, E-Mails beantwortet. Ob jemand 30 oder 40 Stunden arbeitet, ist von außen schwer erkennbar. (Was die „Zurück-ins-Büro“ Front stärkt. Wer weiß schon, was „die zuhause“ eigentlich machen…)

Ganz anders sieht es in den Blue-Collar-Berufen, der Pflege, dem Handwerk, im Einzelhandel oder im Bildungsbereich aus. Dort ist Arbeitszeit unmittelbar sichtbar und unmittelbar wirksam.

  • Eine Pflegekraft in Teilzeit fehlt real auf der Station.
  • Der Installateur, die die defekte Heizung nicht repariert, fehlt spürbar!
  • Wenn an der Supermarktkasse Menschen fehlen, werden die Schlangen länger (auch, weil Selbstscannen hierzulande noch die Ausnahme ist – führt zum oben genannten Punkt und der Frage wo es eigentlich wirklich Menschen braucht).

Hier schlägt Arbeitszeit direkt auf Verfügbarkeit, Dienstpläne und Belastung der Kolleg:innen durch.

Aber auch eine Lehrkraft mit Stundenreduzierung unterrichtet weniger (hat aber ggf. genauso viel Arbeit mit Konferenzen, Elternsprechzeiten, Bürokratie etc.).

Das macht die Debatte nicht einfacher: Arbeitszeitmodelle lassen sich nicht pauschalisieren. Wer so tut, als sei Flexibilisierung überall gleich gut umsetzbar, ignoriert die Realität vieler Berufsgruppen. Genau deshalb ist die Forderung nach „mehr Arbeit“ oder „mehr Stunden“ genauso verkürzt wie der Ruf nach pauschaler Reduzierung. Entscheidend ist nicht die Zahl der Stunden, sondern wie Arbeit organisiert, bewertet und verteilt wird.

Produktivität statt Präsenz: Die 40-Stunden-Frage

Die aktuelle Arbeitszeitdebatte zeigt ein zentrales Spannungsfeld: Deutschland diskutiert über zu wenig Arbeitszeit, während gleichzeitig über hohe Teilzeitquoten und stagnierende Produktivität geklagt wird.

Die entscheidende Frage ist ja nicht: Wie kommen wir zurück zu 40 Stunden?
Sondern eher: Wie sinnvoll sind diese 40 Stunden überhaupt organisiert?

Produktivität ist kein linearer Effekt von Zeit. Studien zeigen seit Jahren, dass längere Arbeitszeiten nicht automatisch zu besseren Ergebnissen führen – im Gegenteil. Konzentration, Qualität, Fehleranfälligkeit und Motivation leiden jenseits bestimmter Schwellen. Wer acht Stunden anwesend ist, arbeitet nicht acht Stunden produktiv.

Die Fixierung auf die 40-Stunden-Woche verkennt zudem, dass viele Vollzeitbeschäftigte faktisch deutlich mehr leisten durch unbezahlte Mehrarbeit, ständige Erreichbarkeit oder verdichtete Arbeit. Gleichzeitig wird Teilzeit häufig pauschal als „weniger Engagement“ interpretiert.

Wenn wir über Flexibilisierung sprechen, dann nicht als Rückkehr zur alten Norm, sondern als Neugestaltung von Vollzeit. Nicht mehr Zeit auf dem Stuhl, sondern mehr Wirkung im Ergebnis.

Der Ruf nach der 40-Stunden-Woche versucht zu vertuschen, dass Unternehmen es versäumt haben, Arbeit sinnvoll zu priorisieren und Leistung klar zu definieren. Arbeitszeit wird mal wieder zur Ersatzgröße für fehlende Steuerung.

Arbeitsrechtlich ist das heikel. Denn Mehrarbeit ohne klare Grenzen erhöht nicht nur das Risiko von Überlastung, sondern auch von Rechtsverstößen. Wirtschaftlich ist es ebenso kurzsichtig: Wer Produktivität erzwingen will, indem er Zeit verlängert, ignoriert Erkenntnisse aus Arbeitspsychologie und Organisationsforschung. Leistung entsteht nicht durch Anwesenheit, sondern durch Fokus, Klarheit und realistische Erwartungen. Und das ist unabhängig von der Branche!

Teilzeit: Fortschritt mit Nebenwirkungen?

Das Recht auf Teilzeit ist eine der wichtigsten arbeitsrechtlichen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte. Es ermöglicht Vereinbarkeit, schützt vor Überlastung und eröffnet Spielräume insbesondere für Eltern, pflegende Angehörige oder Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen.

Gleichzeitig ist Teilzeit kein finanziell neutraler Zustand. Wer Stunden reduziert, reduziert auch freiwillig oder notgedrungen sein Einkommen. Das ist kein Lifestyle-Experiment, sondern oft eine rationale Entscheidung unter realen Zwängen. Die Annahme, Teilzeit sei primär Ausdruck individueller Bequemlichkeit, hält einer ernsthaften Analyse nicht stand.

Problematisch wird Teilzeit dort, wo sie strukturell zur Karrierebremse wird oder dort konzentriert auftritt, wo Arbeitsbedingungen besonders belastend sind. Unternehmen schreiben zunehmend Teilzeitstellen aus und das nicht immer aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Teilzeit wird zum Reparaturbetrieb für strukturelle Defizite.

Arbeitsrechtlich ist Teilzeit richtig. Arbeitsmarktpolitisch ist sie ambivalent. Sie entlastet kurzfristig, verschärft aber langfristig Fragen der sozialen Absicherung, insbesondere mit Blick auf Rente und Altersarmut.

Teilzeit ist nicht weniger sondern andere Arbeit

Was in der aktuellen Debatte auffallend (erschreckend!) ausgeblendet wird: Teilzeit beschreibt ausschließlich den bezahlten Teil von Arbeit. Sie sagt nichts darüber aus, wie viel insgesamt gearbeitet wird. Die Vorstellung, Menschen würden ihre Stunden reduzieren, weil sie „keine Lust auf Vollzeit“ haben, ist realitätsfern und kommunikativ katastrophal.

In den allermeisten Fällen ist Teilzeit eine Antwort auf strukturelle Defizite: fehlende Kitaplätze, unzureichende Betreuungszeiten, zu teure oder nicht verfügbare Pflegeangebote. Wer Angehörige pflegt, Kinder betreut oder familiäre Versorgung übernimmt, arbeitet nur eben außerhalb des Arbeitsvertrags. Diese Arbeit ist zeitintensiv, körperlich wie emotional fordernd und gesellschaftlich unverzichtbar. Vergütet wird sie nicht. Anerkannt wird sie zunehmend auch nicht mehr. Und immerhin ist Wertschätzung kurz nach dem Gehalt die wichtigste Vergütung im Job!

Wenn Teilzeit in der Produktivitätsdebatte als Problem markiert wird, entsteht eine doppelte Schieflage: Menschen kompensieren staatliche und gesellschaftliche Lücken und werden dafür mit mangelnder Wertschätzung, impliziten Vorwürfen und strukturellen Nachteilen „bestraft“. Das ist extrem kurzsichtig!

Denn fehlende Anerkennung ist ein massiver Produktivitätskiller. Das treibt aus meiner Sicht die ganze aktuelle Diskussion ad absurdum.

Sie erhöht Stress, verstärkt Erschöpfung und macht krank (das sind wir aber ja eh auch schon zu viel… andere Debatte).

Wer über Arbeitszeit spricht, ohne Care-Arbeit mitzudenken, führt eine Debatte auf Kosten derer, die das System im Alltag tatsächlich am Laufen halten.

Fazit: Bedürfnisorientierung statt Stechuhr

Arbeitszeit ist ein grobes Instrument für eine hochkomplexe Realität. Menschen reduzieren ihre Stunden nicht leichtfertig. Sie tun es, weil Belastung zu hoch ist, Betreuung fehlt, Gesundheit leidet oder weil sie in kürzerer Zeit genauso leistungsfähig sind.

Wer in 30 Stunden schafft, was andere in 40 schaffen, hat nicht „Glück gehabt“, sondern effizient gearbeitet. Dass diese Person weniger verdient und dafür mehr Freizeit erhält, ist kein Systemfehler, sondern ein rationaler Tausch. Volkswirtschaftlich ist das sogar sinnvoll solange wir Leistung nicht an bloße Anwesenheit koppeln.

Arbeitszeit wird fast immer auch auf individueller Ebene betrachtet, obwohl sie faktisch „Teamarbeitszeit“ ist. In vielen Haushalten geht es nicht um die Frage, ob gearbeitet wird, sondern wie Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen zwei Menschen verteilt wird. Zwei Personen, die jeweils 30 Stunden erwerbstätig sind, leisten zusammen 60 bezahlte Arbeitsstunden und damit deutlich mehr als ein klassisches Modell aus einer Vollzeitstelle und einer Person in unbezahlter Care-Arbeit.

Problematisch wird es dort, wo wir aus Unsicherheit wieder zum Einfachen greifen: Zeit messen statt Wirkung bewerten. Anwesenheit kontrollieren statt Arbeit sinnvoll organisieren. Das hilft weder Unternehmen noch Beschäftigten schon gar nicht angesichts demografischer Entwicklungen und Fachkräftemangels.

Umgekehrt bedeutet weniger Arbeitszeit weniger Einkommen, weniger Beiträge und langfristig geringere Rentenansprüche. Dieses Spannungsfeld lässt sich nicht auflösen, indem man es ignoriert. Arbeitszeitpolitik ist immer auch Sozialpolitik.

Das macht die Debatte unbequem. Denn sie zwingt uns anzuerkennen, dass individuell sinnvolle Entscheidungen kollektive Auswirkungen haben. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, Menschen pauschal zu mehr Arbeitszeit zu drängen. Das würde weder der Realität moderner Erwerbsbiografien noch der demografischen Entwicklung gerecht.

Wer Arbeitszeit flexibilisiert, muss über Absicherung sprechen. Wer starre Systeme bevorzugt aber auch.

Wir brauchen Lebensphasenmodelle, faire Bewertung von Leistung, tragfähige Rentensysteme.

Wir brauchen aber bitte endlich auch Einigkeit darüber, dass Zeit als alleinige Messgröße ausgedient hat.

Nach oben scrollen