Zukunftsmut oder warum der Ruf der Arbeitswelt nur so gut ist, wie wir ihn machen

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Die Nachrichten der ersten Januarwoche haben sich angefühlt, als müsste es für 2026 eigentlich ein Rückgaberecht geben. Bitte einmal umtauschen, falsche Erwartungen, zu viel Realität. Statt Aufbruch, Leichtigkeit und dieser typischen „Neues-Jahr-neues-Glück“-Energie: Krisenmeldungen, politische Schieflagen, wirtschaftliche Unsicherheit, Debatten über Rückschritt statt Fortschritt. Nach gerade einmal zehn Tagen ist die Stimmung schon wieder gekippt. Urteil gefällt. Jahr abgehakt.

Stopp mal! Das Problem ist selten das Jahr.
Sorry – es sind wir.

365 neue Tage liegen vor uns. Und trotzdem schaffen wir es, nach kürzester Zeit zu resignieren. Wir reden über die (Arbeits-)Welt, als wäre sie ein Naturereignis, dem wir ausgeliefert sind. Als würden „die da oben“, „der Markt“, „die Politik“ oder (auch gerne genommen…) „die Generation Z“ bestimmen, wie Zusammenarbeit, Führung und Arbeit künftig aussehen. Ganz schön bequem machen wir es uns damit.

Denn der Ruf der Arbeitswelt entsteht nicht durch Schlagzeilen allein (auch wenn ich die seitens der Politik gerade zumindest ungeschickt finde, da sie unsere Wahrnehmung natürlich prägen und verschärfen). Er entsteht durch Entscheidungen.

  • Durch Führung, die entweder Mut macht oder Angst verwaltet.
  • Durch Unternehmen, die Verantwortung übernehmen oder sie delegieren.
  • Durch Mitarbeitende, die gestalten wollen oder innerlich kündigen.

Zukunft ist kein Zustand, sie ist ein Prozess. Und Prozesse lassen sich beeinflussen.

Geht das auch anders? Diese Frage habe ich gestellt. Ich habe Rückmeldungen von Menschen bekommen, die sich bewusst gegen Resignation entscheiden. Die trotz Rechtsunsicherheit, Transformation, Fachkräftemangel und KI-Debatten sagen: Jetzt erst recht. Menschen, die Zukunftsmut als Handlungsoption verstehen und umsetzen.

Diese Stimmen und Perspektiven einer Zukunftsmutmacher:innen will ich hier teilen, um zu zeigen, dass Arbeitswelt kein Schicksal ist. Sondern ein Gemeinschaftswerk.

Vielleicht ist genau das der bessere Start ins Jahr 2026. Kein Rückgaberecht. Sondern Verantwortungsübernahme.

Zukunftsmut Nr. 1: Arbeitszeit neu denken

Bernd Slaghuis nennt als einen zentralen Trend: „Weniger arbeiten für mehr Leben.“ Das ist längst überfällig. Denn wenn wir ehrlich sind, dann ist die 40-Stunden-Woche vor allem eines: ein historisches Konstrukt. Sie sagt viel über Anwesenheit aus, aber erstaunlich wenig über tatsächliche Leistung, Wirkung oder Wertschöpfung. Kaum jemand arbeitet acht Stunden am Tag hochkonzentriert, kreativ und produktiv. Das wissen wir. Und trotzdem halten wir an der Fiktion fest. Die Politik möchte, dass wir mehr arbeiten – und weiß doch gar nicht, woran sie das messen woll.

Wenn alle Menschen, die es können, 30 Stunden arbeiten würden, (also wirklich arbeiten, nicht nur „da sein), hätten wir in Summe deutlich mehr nutzbare Arbeitsleistung als heute. Weniger Leerlauf, weniger Erschöpfung, weniger stille Resignation, weniger „Nicht-Passung“ und Unvereinbarkeit. Dafür mehr Fokus, mehr Klarheit, mehr Energie.

Arbeitszeit ist eine Hilfsgröße, aber nicht das Maß aller Dinge!

Was fehlt, ist der Perspektivwechsel: weg von zeitgetriebener Bewertung, hin zu einer leistungs- und bedürfnisorientierten Definition von Arbeit. Unterschiedliche Lebensphasen, Care-Arbeit, Gesundheit, Kreativitätszyklen – all das beeinflusst Leistungsfähigkeit. Das zu ignorieren, ist nicht leistungsorientiert, sondern kurzsichtig.

Teilzeit ist deshalb kein Minderwertigkeits-Label. Sie ist keine halbe Motivation und kein halbes Engagement. Sie ist eine andere Zeitform. Der eigentliche Engpass ist nicht die reduzierte Stundenzahl, sondern unsere Kommunikation darüber. Solange wir Jobs implizit nach Stunden hierarchisieren, erzeugen wir künstliche Wertunterschiede, die mit realer Leistung nichts zu tun haben.

Zukunftsfähige Arbeitswelten bewerten Wirkung, Verantwortung und Qualität. Hier liegt unsere Verantwortung: Jobs in jeder Zeitform sichtbar wertzuschätzen, ernst zu nehmen und gleichberechtigt zu denken.

Zukunftsmutsatz 2026: Jeder Job ist gleich viel wert. Unabhängig vom Zeitinvest!

https://bernd-slaghuis.de/karriere/karrieretrends-2026/

Zukunftsmut Nr. 2: Neugier kultivieren

Tobias Leisgang hat mich auf das Ministerium für Neugier & Zukunftslust hingewiesen. Die Idee dahinter: Zukunft entsteht dort, wo Menschen neugierig bleiben. Wo Fragen erlaubt sind. Wo Unsicherheit nicht sofort als Risiko, sondern erst einmal als Möglichkeitsraum verstanden wird.

Neugier wird hier nicht als kindliche Eigenschaft oder als nettes Extra verstanden, sondern als Haltung. Als bewusste Entscheidung, sich nicht vorschnell festzulegen. Nicht sofort zu urteilen. Nicht reflexhaft in „Das geht nicht“ oder „Das haben wir schon immer so gemacht“ zu verfallen. Zukunftslust heißt dabei nicht, Probleme zu ignorieren oder schönzureden. Im Gegenteil: Sie setzt voraus, Realität auszuhalten und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.

Gerade in der Arbeitswelt ist diese Haltung zentral. Transformation scheitert selten an fehlenden Konzepten, sondern an innerer Abwehr. An Angst vor Kontrollverlust. An dem Wunsch nach schnellen Antworten in komplexen Situationen. Neugier unterbricht diese Muster. Sie öffnet Räume für Lernen, Dialog und Experimente. Und sie verschiebt den Fokus: weg von Defiziten, hin zu Entwicklung.

Wer neugierig bleibt, muss nicht alles wissen. Aber er oder sie ist bereit, hinzusehen, zuzuhören und Neues auszuprobieren. Das verändert Zusammenarbeit, Führung und Unternehmenskultur fundamental. Zukunft wird so nicht verordnet, sondern gemeinsam gestaltet.

Angst ist laut, Neugier leise. Aber sie ist deutlich wirksamer.

Zukunftsmutsatz 2026: Zukunft entsteht dort, wo wir neugierig fragen, statt vorschnell zu urteilen.

https://www.neugierundzukunftslust.at 

Zukunftsmut Nr. 3: Hinhören, wo Ideen wachsen

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse für 2026: Es muss nicht immer die ganz große Transformation sein. Nicht der radikale Umbruch, nicht das nächste Buzzword, nicht der perfekte Masterplan. Oft sind es die vielen kleinen Impulse, die wirklich etwas bewegen. Gedanken, die hängen bleiben. Perspektiven, die sich leise verschieben. Gespräche, die Mut machen, ohne laut zu sein.

Genau hier setzt der Podcast „Zukunftsmut“ von Juliane Rosier an. Es geht nicht um Durchhalteparolen oder toxischen Optimismus. Sondern ums Zuhören. Um Menschen, die ihre Erfahrungen teilen, ihre Zweifel nicht verschweigen und trotzdem nach vorne denken. Um Geschichten aus Arbeitswelt, Gesellschaft und persönlicher Entwicklung, die zeigen: Zukunft wird nicht von denen gestaltet, die am lautesten klagen, sondern von denen, die reflektieren, ausprobieren und dranbleiben.

Der Podcast lädt dazu ein, genauer hinzuhören:

  • Wo entstehen gute Ideen?
  • Wer denkt differenziert statt eindimensional?
  • Wer benennt Probleme, ohne sich im Jammern einzurichten?

Denn Jammern hat eine enorme Anziehungskraft. Es verbindet schnell, kostet wenig Energie und erzeugt kurzfristig Erleichterung. Aber es macht handlungsunfähig. Zukunftsmut hingegen entsteht dort, wo wir bewusst auswählen, welchen Stimmen wir Raum geben.

Das bedeutet nicht, Kritik zu unterdrücken oder Schwierigkeiten auszublenden. Im Gegenteil. Aber es bedeutet, Verantwortung für den eigenen mentalen Input zu übernehmen. Nicht jede Diskussion verdient Aufmerksamkeit. Nicht jede Dauerempörung ist konstruktiv. Manchmal ist es klüger, wegzuhören um Platz zu schaffen für Perspektiven, die weiterbringen.

Zukunftsmut zeigt sich auch darin, die leisen, klugen Impulse ernst zu nehmen. Sie wirken oft nachhaltiger als die großen Parolen.

Zukunftsmutsatz 2026: Zukunft entsteht dort, wo wir den guten Ideen zuhören – und dem dauernden Jammern bewusst weniger Raum geben.

https://julianerosier.de/podcast-zukunftsmut/ 

Zukunftsmut Nr. 4: Was wirklich innovative Unternehmen anders machen

Wenn wir uns anschauen, was die laut Süddeutsche Zeitung und dem SZ Institut zu den innovativsten Unternehmen 2025 gehörenden Organisationen auszeichnet, dann zeigt sich ein klares Muster: Innovation entsteht nicht nur durch Ressourcen, sondern durch Haltung und strukturelles Denken. Innovation ist kein Privileg großer Konzerne mit hohen Budgets, sondern ein strategischer Prozess, der in jedem Unternehmen möglich ist vom Mittelständler bis zum Start-up. 

Ein zentrales Element ist die Bereitschaft, Gewohntes zu hinterfragen. Innovativste Unternehmen schaffen es, tradierte Abläufe aufzubrechen, neue Perspektiven einzubeziehen und bestehende Kompetenzen mit neuen Ideen zu verknüpfen. Dazu gehört, interne Prozesse so zu gestalten, dass Lernen und Experimentieren möglich werden; also nicht nur Standardarbeit, sondern bewusst Raum für Neues. 

Diese Unternehmen investieren kontinuierlich in Forschung, Entwicklung und Kooperationen. Sie verstehen, dass Innovation nicht allein technologischer Fortschritt ist, sondern auch in neuen Geschäftsmodellen, nachhaltigen Ansätzen und datenbasierten Services stattfindet. Sie vernetzen intern Wissen und öffnen sich extern mit Partnern, Start-ups oder Forschungseinrichtungen. Das beschleunigt Lernzyklen und erhöht die Trefferquote guter Ideen. 

Und ganz wichtig: Die Palette der vertretenen Branchen ist breit: Von IT über Maschinenbau bis Medizintechnik und Dienstleistungen. Es ist nicht so, dass nur „die Großen mit viel Geld“ innovieren. Viele mittelgroße Firmen spielen in den Rankings oben mit, weil sie Innovation als Haltung, als gemeinsame Aufgabe und als kontinuierlichen Prozess verstehen

Was bedeutet das für uns und für die Arbeitswelt? Transformation beginnt nicht erst dann, wenn ein „großer Wurf“ angekündigt wird. Sie beginnt dort, wo Menschen anfangen, kleine Muster zu ändern, interdisziplinär zu denken und Möglichkeiten offen zu halten. Er beginnt auch dort, wo wir wegdenken von Silos, Hoheitswissen und Hierarchien.

Zukunftsmutsatz 2026: Transformation beginnt mit einem ersten Schritt und der ist für alle ungefähr gleich groß.

https://www.sueddeutsche.de/advertorial/sz-institut/innovativste-unternehmen-2025/ 

Zukunftsmut Nr. 5: Sicherheit als Sprungbrett

Das ist mein eigener Beitrag zum Thema Zukunftsmut. Wenn wir über Krisenresilienz in der Arbeitswelt sprechen, dann übersehen wir in Deutschland oft einen entscheidenden Punkt: Wir stehen auf einem außergewöhnlich stabilen Fundament. Unser Arbeitsrecht – überhaupt unser Rechtsrahmen – gehört zu den stärksten und differenziertesten weltweit. Es schafft Schutz, Ausgleich und Verlässlichkeit. Genau deshalb ist es ein Sprungbrett.

Krisenresilienz entsteht dort, wo wir die zentralen Treiber der modernen Arbeitswelt zusammendenken: New Work, Agilität und KI. Jeder dieser Treiber für sich bringt Dynamik, Unsicherheit und Veränderungsdruck. Zusammengenommen entfalten sie enorme Gestaltungskraft. Aber erst in Kombination mit der Konstante Arbeitsrecht entsteht echte Stabilität. Nicht als Stillstand, sondern als Rahmen, der Bewegung erlaubt.

In Deutschland „fallen wir weicher“ als in vielen anderen Ländern. Kündigungsschutz, Mitbestimmung, klare Regeln zu Arbeitszeit, Gesundheitsschutz und Fairness sind keine Innovationsverhinderer. Sie sind Leitplanken. Leitplanken sind nicht dafür da, das Fahren zu verbieten, sondern um Kurven überhaupt erst sicher nehmen zu können.

Der Fehler liegt nicht ex ante in der Regulierung. Der Fehler liegt in zwei Extremen: Sie als starre Einschränkung zu kritisieren oder als unveränderliches Fixum zu behandeln, das man möglichst nicht anfasst. Beides führt zu Stillstand. Zukunftsmut heißt, die Regeln zu kennen und sie aktiv zu nutzen. Gestaltungsspielräume zu erkennen. Experimente rechtssicher aufzusetzen. Neue Arbeitsformen bewusst innerhalb dieses Rahmens zu entwickeln.

Agilität ohne Rechtssicherheit erzeugt Angst. Arbeitsrecht ohne Bewegung erzeugt Trägheit. Erst zusammen entsteht Resilienz. Eine Arbeitswelt, die Krisen nicht nur übersteht, sondern an ihnen wächst.

Heißt: Nicht weniger Bewegung, weil wir abgesichert sind. Sondern mehr. Weil wir es uns leisten können.

Zukunftsmutsatz 2026: Veränderung ist die einzige Konstante. Nutzen wir unsere Leitplanken!

https://britta-redmann.de 

Fazit: Arbeitsmarkt 2026

Was, wenn es gut wird? Wenn wir aufhören, den Arbeitsmarkt reflexhaft schlechtzureden, und anfangen, ihn bewusst zu gestalten. Die Voraussetzungen sind da:  flexible Arbeitszeitmodelle, Neugier statt Abwehr, kleine wirksame Impulse, lernende Organisationen und ein starkes rechtliches Fundament. Zukunft entsteht nicht trotz dieser Faktoren, sondern durch sie. Zukunftsmut heißt, nicht auf perfekte Bedingungen zu warten, sondern das Beste aus den vorhandenen zu machen. 

Und genau dann kann der Arbeitsmarkt 2026 mehr sein als ein Krisennarrativ: nämlich ein Möglichkeitenraum.

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