Das Land, das die Arbeit neu erfand
Es war ein ganz normaler Dienstagmorgen im Jahr 2045. Und genau das war das Bemerkenswerte daran.
Um halb neun saß Daniel auf seiner Terrasse bei Aachen, trank Kaffee und sah zwei Roboter zur Arbeit fahren – tatsächlich mit dem Auto, als wäre das inzwischen das Normalste der Welt.
„Otto“ unterstützte einen Maschinenbauer bei körperlich schweren Produktionsarbeiten, „Lotte“ sortierte in einer Recyclinganlage Materialien, die früher meist im Restmüll gelandet wären.
Daniel gehörten die beiden Roboter nicht allein. Wie Millionen andere Menschen war er über einen breit gestreuten Produktivitätsfonds an Robotern und KI-Systemen beteiligt. Was diese erwirtschafteten, floss zu einem Teil an ihn zurück.
Deshalb arbeitete Daniel nur noch vier Tage die Woche – nicht, weil er sich mehr Arbeit nicht leisten konnte, sondern weil er sie sich nicht mehr leisten musste.
Eine schöne Vorstellung, oder? Und natürlich frei erfunden. Noch.
Arbeit vom Ergebnis her denken
Wir diskutieren gerade wieder intensiv darüber, wie viel in Deutschland gearbeitet werden soll: mehr Stunden, weniger Teilzeit, eine längere Lebensarbeitszeit. Gleichzeitig fehlen Fachkräfte, die Bevölkerung wird älter, und die Produktivität entwickelt sich nicht so, wie wir es uns wünschen würden.
Die Debatte folgt einem vertrauten Muster: Reicht das Ergebnis nicht, sollen die Menschen eben mehr arbeiten. Ich halte das für die falsche Ausgangsfrage.
Aus meiner Beratungspraxis kenne ich es auch andersherum: Häufiger als über zu wenig Arbeitszeit spreche ich mit Mandanten über schlecht organisierte Arbeit – über Prozesse, die seit Jahren unverändert laufen, obwohl sich die technischen Möglichkeiten längst geändert haben.
Bevor wir also fragen, wie sich mehr menschliche Arbeitsstunden mobilisieren lassen, sollten wir fragen, wie sich die vorhandene Arbeit besser organisieren lässt – und ob künstliche Intelligenz und Robotik uns dabei helfen können, ohne dass wir das ausschließlich als Bedrohung verstehen.
Die übliche Sorge lautet: Maschinen nehmen den Menschen die Arbeitsplätze weg. Daniels Antwort im Jahr 2045 könnte lauten: Ja, teilweise haben sie das. Nur arbeiten sie inzwischen auch für uns – und nicht mehr ausschließlich für diejenigen, denen die Unternehmen gehören.
Produktivität ist kein Selbstzweck
Der Einsatz von KI und Robotik wird meist mit Effizienz begründet: Prozesse werden schneller, Fehlerquoten sinken, Unternehmen leisten mit weniger Personal mehr.
Angesichts des demografischen Wandels ist das in vielen Bereichen notwendig. Wir werden künftig schlicht nicht mehr für jede heute bestehende Aufgabe genug Menschen finden. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht nur, welche Tätigkeiten Maschinen übernehmen können, sondern wofür wir die verfügbare menschliche Arbeitskraft einsetzen wollen.
Eine Pflegekraft, die durch Technik von stundenlanger Dokumentation, Wäschetransport oder schwerem Heben entlastet wird, gewinnt im besten Fall Zeit für das, was sich nicht automatisieren lässt: Zuwendung, Beobachtung, menschliche Nähe.
Auch hochqualifizierte Beschäftigte müssen ihre Woche nicht mit Routinetätigkeiten füllen, die ein gut eingerichtetes KI-System schneller erledigen könnte – vorausgesetzt, die gewonnene Zeit wird nicht sofort wieder mit neuen Aufgaben, Meetings und Dokumentationspflichten aufgefüllt. Darin sind Unternehmen erfahrungsgemäß ziemlich erfinderisch.
Produktivität erfüllt ihren Zweck aus meiner Sicht nur dann, wenn sie nicht allein zu mehr Output führt, sondern zu besserer Arbeit: zu weniger Belastung, mehr Zeit für menschliche Aufgaben und vielleicht irgendwann auch zu kürzeren Arbeitszeiten.
Wenn Roboter für ganz normale Menschen arbeiten
Genau hier liegt im (fiktiven) Deutschland des Jahres 2045 der entscheidende Unterschied: Die Erträge aus KI und Robotik kommen nicht mehr nur Unternehmen und wenigen Kapitalbesitzern zugute. Auch ganz „normale“ Beschäftigte sind an der automatisierten Wertschöpfung beteiligt – etwa über Mitarbeiterbeteiligungen, tariflich vereinbarte Produktivitätsanteile oder breit gestreute Fonds.
Die Menschen erzielen deshalb nicht mehr ausschließlich Einkommen aus ihrer eigenen Arbeitszeit. Ein Teil ihres Einkommens stammt aus der Arbeit von Maschinen und KI-Systemen. Die Technik arbeitet für sie mit.
Das ist auch der Grund, warum Daniel seine Arbeitszeit reduzieren kann (oder können wird), ohne dass sein Lebensstandard entsprechend sinkt. Weniger Erwerbsarbeit bedeutet eben nicht automatisch weniger Einkommen, weil nicht mehr jede Einnahme an eine persönlich geleistete Arbeitsstunde gekoppelt sein muss.
Natürlich wäre ein solches Modell nur dann ein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn nicht allein diejenigen profitieren, die ohnehin ausreichend Vermögen besitzen. Wer sich erst einen eigenen Roboter für 80.000 Euro kaufen muss, um an der Automatisierung teilzuhaben, löst keine Verteilungsfrage. Er eröffnet lediglich ein weiteres Geschäftsmodell für Wohlhabende.
Die eigentliche Herausforderung wäre deshalb, Beteiligung so zu organisieren, dass auch Menschen mit kleinen Einkommen, Teilzeitkräfte und Beschäftigte mit unterbrochenen Erwerbsbiografien profitieren. Sonst würde KI bestehende Unterschiede nicht verringern, sondern vergrößern…alter Kapitalismus mit besserer Software.
Auch der Sozialstaat verdient mit
Deutschland könnte 2045 noch etwas verändert haben: Nicht mehr allein menschliche Arbeit finanziert den Staat und die sozialen Sicherungssysteme. Auch die Wertschöpfung, die durch Roboter und KI entstanden ist, leistet ihren Beitrag.
Wie genau das ausgestaltet wäre – über die Besteuerung zusätzlicher Unternehmensgewinne, einen Wertschöpfungsbeitrag oder andere Abgabenmodelle –, ist eine politische und rechtliche Gestaltungsfrage. Der Grundgedanke ist jedoch einfach: Wenn automatisierte Arbeit einen immer größeren Teil des Wohlstands erzeugt, darf die Finanzierung von Rente, Gesundheit und Pflege nicht fast ausschließlich an menschlichen Löhnen hängen.
Andernfalls entstünde ein ziemlich absurdes Ergebnis: Die Wirtschaft würde dank KI und Robotik produktiver, während dem Sozialstaat die Einnahmen wegbrechen, weil weniger menschliche Arbeitsstunden benötigt werden.
In Daniels Deutschland erhöhen Roboter und KI deshalb nicht nur private Einkommen. Ihre Wertschöpfung steigert zugleich die Steuer- und Beitragseinnahmen. Die Menschen können weniger arbeiten, ohne dass deshalb automatisch Renten, Gesundheitsversorgung oder Pflege unter Druck geraten. Ob ein solches Modell jemals Realität wird, ist offen. Aber die Finanzierungsfrage wird sich stellen.
Andere Führung statt weniger Führung
Werten KI-Systeme Informationen aus, bereiten sie Entscheidungen vor und steuern Prozesse, braucht es nicht automatisch weniger Führung, sondern andere Führung.
Führungskräfte müssen entscheiden, wo Technik unterstützen darf und wo menschliches Urteil unverzichtbar bleibt. Sie müssen dafür sorgen, dass Beschäftigte nachvollziehen können, wie Entscheidungen zustande kommen, und verhindern, dass die vermeintliche Objektivität eines Systems an die Stelle der eigenen Verantwortung tritt.
Unternehmen müssen außerdem klären, welche Kompetenzen künftig gebraucht werden, wie Beschäftigte qualifiziert und beteiligt werden, wer für fehlerhafte automatisierte Entscheidungen einsteht und was wir künftig überhaupt unter Leistung verstehen wollen.
In Unternehmen mit Betriebsrat kommt die Mitbestimmung hinzu. Ist ein KI-gestütztes System objektiv geeignet, Verhalten oder Leistung der Beschäftigten zu überwachen, besteht grundsätzlich ein Mitbestimmungsrecht nach § 87 Abs. 1 Nr. 6 BetrVG. Wer KI-Projekte plant, sollte diese Frage deshalb von Anfang an mitdenken und nicht erst kurz vor der Einführung.
Antworten darauf liefert kein KI-Agent, jedenfalls nicht allein. Es sind unternehmerische, arbeitsrechtliche und gesellschaftliche Gestaltungsfragen und genau an dieser Schnittstelle bewege ich mich beruflich am liebsten.
Weniger Arbeit ist nicht automatisch bessere Arbeit
Technischer Fortschritt führt nicht von selbst zu kürzeren oder besseren Arbeitszeiten. Produktivitätsgewinne können ebenso in höhere Gewinne, höhere Einkommen oder sinkende Preise fließen. Was sich durchsetzt, hängt davon ab, welche Entscheidungen Unternehmen, Politik und Gesellschaft treffen.
Hinzu kommt: Automatisierung betrifft Tätigkeiten und Branchen sehr unterschiedlich. Eine KI kann Daten auswerten, Texte zusammenfassen und Vorschläge erstellen. Ein Kind trösten, einen eskalierenden Teamkonflikt auffangen oder die Verantwortung für eine schwierige Personalentscheidung übernehmen kann sie nicht ohne Weiteres.
Und selbst dort, wo eine Tätigkeit technisch automatisiert werden könnte, ist damit noch nicht entschieden, ob wir das auch wollen. Nicht alles, was automatisiert werden kann, sollte automatisiert werden.
Fortschritt neu verhandeln
Deutschland 2045 wird vermutlich anders aussehen als in meinem kleinen Gedankenexperiment. Vielleicht fährt „Otto“ niemals allein zu seiner Nachtschicht.
Stellen wir uns trotzdem noch einmal vor, Daniel würde nach Feierabend mit dem Rad zum See fahren und dabei an einem alten öffentlichen Gebäude vorbeikommen. Über dem Eingang stünde noch der frühere Name: Bundesagentur für Arbeit. Darunter hinge inzwischen ein neues Schild: Bundesagentur für Arbeit und Produktivität.
Und darunter der Satz, der irgendwann zum inoffiziellen Motto dieses neuen Deutschlands geworden wäre: „Wir arbeiten nicht weniger, weil wir ärmer geworden sind. Wir arbeiten weniger, weil wir produktiver geworden sind.“
Ein schönes Bild. Aber ob es Realität wird, entscheidet nicht die Technik allein.
Wir können Automatisierung als reines Rationalisierungsprogramm verstehen. Dann sparen Unternehmen Arbeitskosten und die Beschäftigten hoffen, nicht zu den Eingesparten zu gehören. Oder wir verstehen sie als Gestaltungsaufgabe: Dann geht es um Qualifizierung, Beteiligung, die Finanzierung unseres Sozialstaats und die Frage, wie technischer Fortschritt nicht nur wenigen, sondern möglichst vielen Menschen zugutekommt.
Darüber spreche ich zurzeit mit Unternehmen und Betriebsräten. Und deshalb glaube ich: Der größte Fortschritt wäre am Ende nicht die Zahl der Roboter oder die Leistungsfähigkeit künstlicher Intelligenz, sondern die Erkenntnis, dass Produktivität und Roboter den Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt.
