Früher war mehr Urlaub - Nichterreichbarkeit Britta Redmann

Früher war mehr Urlaub

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Damit meine ich keine zusätzlichen freien Tage. Ich meine diese Form von Urlaub, in der die Arbeit tatsächlich weit weg war.

Heute reist das Büro mit. Es steckt im Smartphone, meldet sich über die Smartwatch und erscheint als Vorschau auf dem Sperrbildschirm. Eine berufliche Nachricht dauert vielleicht zehn Sekunden. Im Kopf bleibt sie deutlich länger.

Dabei heißt es häufig von Seiten des Arbeitgebers, des Vorgesetzten, des Kollegen: „Du musst doch gar nicht antworten.“

Das klingt so easy und „großzügig“. Die Verantwortung wird damit halt allerdings dem Empfänger überlassen. Er muss entscheiden, ob die Nachricht dringend ist, ob eine Reaktion erwartet wird und ob Schweigen möglicherweise negativ auffällt.

Besonders bei Nachrichten von Führungskräften ist das Machtgefälle kaum auszublenden. Was die Absenderin als spontane Idee versteht, kann beim Mitarbeiter als Arbeitsauftrag ankommen.

Deshalb ist Nichterreichbarkeit mehr als Selbstdisziplin. Sie ist eine Frage der Arbeitsorganisation und der Führung.

Erreichbarkeit ist nicht immer freiwillig

Wir dürfen dabei nicht von uns auf andere schließen.

Manche Menschen sehen eine Nachricht am Abend und legen das Handy entspannt zur Seite. Andere denken sofort über das Thema nach. Hinzu kommen unterschiedliche Positionen, Vertragsverhältnisse und persönliche Sicherheiten.

Wer neu im Unternehmen ist, um eine Vertragsverlängerung fürchtet oder seinen Arbeitsplatz als gefährdet erlebt, wird Grenzen möglicherweise vorsichtiger setzen. Die Nachricht wird dann vielleicht freiwillig beantwortet – aber unter Bedingungen, die echte Freiwilligkeit zumindest fraglich machen.

Eurofound hat Beschäftigte danach gefragt, warum sie außerhalb ihrer Arbeitszeit auf berufliche Nachrichten reagieren. Neben dem Verantwortungsgefühl für die eigene Arbeit nannten viele die Erwartung, antworten zu müssen. Ein erheblicher Teil befürchtete negative Folgen, wenn die Reaktion ausblieb.

Ob Wirtschaftskrisen und Arbeitsplatzängste die Dauererreichbarkeit insgesamt messbar verstärkt haben, lässt sich daraus nicht pauschal ableiten. Plausibel und praktisch relevant ist aber: Unsicherheit beeinflusst, wie frei Beschäftigte ihre Nichterreichbarkeit tatsächlich leben können.

Unternehmen sollten deshalb nicht nur fragen, ob sie eine Antwort ausdrücklich verlangt haben. Sie sollten auch betrachten, welche Erwartungen ihr Verhalten erzeugt.

Was gilt arbeitsrechtlich in Deutschland?

Ein ausdrücklich so benanntes, allgemeines „Recht auf Nichterreichbarkeit“ gibt es im deutschen Arbeitsrecht bislang nicht.

Trotzdem ist die arbeitsfreie Zeit rechtlich geschützt.

Das (aktuelle) Arbeitszeitgesetz begrenzt die tägliche Arbeitszeit und verlangt grundsätzlich eine ununterbrochene Ruhezeit von mindestens elf Stunden. Wer am Abend dienstliche Anfragen bearbeitet, telefoniert oder Nachrichten beantwortet, kann damit Arbeitszeit leisten. Eine allgemeine Bagatellgrenze für „nur fünf Minuten“ kennt das Gesetz nicht.

Auch der Arbeitsschutz ist relevant. Arbeitgeber müssen die Arbeit so gestalten, dass Gefährdungen für die physische und psychische Gesundheit möglichst vermieden werden. Psychische Belastungen sind Bestandteil der Gefährdungsbeurteilung.

Permanente oder schwer kalkulierbare Erreichbarkeit darf deshalb nicht als rein persönliche Frage behandelt werden.

Hinzu kommt die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung. Arbeit, die am Abend oder im Urlaub über digitale Kanäle erbracht wird, verschwindet nicht dadurch, dass sie außerhalb des Büros und nur auf dem Smartphone stattfindet.

Australien setzt auf ein Recht, nicht zu reagieren

Andere Länder regeln den Umgang mit der Erreichbarkeit inzwischen ausdrücklicher.

Das aktuell besonders interessante Beispiel ist Australien. Dort gilt seit August 2024 ein gesetzliches Recht auf Nichterreichbarkeit. Seit dem 26. August 2025 werden auch Unternehmen mit weniger als 15 Beschäftigten erfasst.

Beschäftigte dürfen es grundsätzlich ablehnen, Kontakte außerhalb ihrer Arbeitszeit zu überwachen, zu lesen oder zu beantworten, sofern die Ablehnung unter den konkreten Umständen nicht unangemessen ist.

Berücksichtigt werden unter anderem der Anlass der Kontaktaufnahme, die Funktion der beschäftigten Person, ihre Verantwortung, eine mögliche Vergütung für Erreichbarkeit und ihre persönliche Situation. Das Recht umfasst E-Mails, Anrufe, Textnachrichten, Messenger und soziale Medien.

Australien verbietet Arbeitgebern damit nicht pauschal, eine Nachricht zu senden. Geschützt wird die Entscheidung des Beschäftigten, außerhalb der Arbeitszeit nicht darauf zu reagieren.

Dieser Ansatz ist vergleichsweise pragmatisch. Ein technischer Bereitschaftsdienst braucht andere Regeln als eine Personalabteilung. Internationale Zusammenarbeit kann andere Zeitfenster erfordern als ein lokaler Betrieb. Erreichbarkeit bleibt möglich. Sie muss aber begründet, organisiert und gegebenenfalls vergütet werden.

Frankreich, Belgien und Portugal haben ebenfalls Regelungen zur Nichterreichbarkeit beziehungsweise zur Kontaktaufnahme außerhalb der Arbeitszeit geschaffen. Das gemeinsame Signal ist klar: Die Verantwortung darf nicht allein bei der Person liegen, die ihr Smartphone ausschalten soll.

Problem: Eine Richtlinie allein löst das Problem nicht

Eurofound hat Unternehmen mit und ohne Regelungen zur Nichterreichbarkeit verglichen.

Beschäftigte in Unternehmen mit entsprechenden Vereinbarungen berichteten häufiger von einer guten Work-Life-Balance und hoher Arbeitszufriedenheit. Gleichzeitig zeigte sich: Auch dort wurden viele weiterhin außerhalb der Arbeitszeit kontaktiert.

Eine Policy im Intranet verändert noch keine Kultur.

Nichterreichbarkeit scheitert oft an ganz praktischen Ursachen:

  • Es gibt keine Vertretung.
  • Wissen liegt nur bei einer Person.
  • Aufgaben werden zu spät verteilt.
  • Die Arbeitsmenge passt nicht in die vereinbarte Arbeitszeit.
  • Jeder Kommunikationskanal wird für alles genutzt.
  • Und „dringend“ bedeutet im Zweifel: heute noch.

Wer Nichterreichbarkeit ermöglichen will, muss deshalb auch über Personalplanung, Prioritäten, Prozesse und Führung sprechen.

Wie Nichterreichbarkeit zum Asset wird

Und nein… ich meine nicht, dass man etwas selbstverständliches zum Benefit machen sollt. Aber man es vorleben und damit zu etwas gelebt Besonderem machen im Vergleich zu anderen. Ein Unternehmen, in dem Menschen zuverlässig abschalten können, beweist organisatorische Qualität.

Dafür braucht es konkrete Strukturen.

  1. Dienstgeräte etablieren

Private Handys sind privat.

Berufliche Kommunikation gehört auf dienstliche Geräte und in betriebliche Systeme. Das schafft eine sichtbare Grenze. Ein Diensthandy kann nach Feierabend ausgeschaltet oder im Urlaub abgegeben werden.

Diese Trennung schützt zugleich das Privatleben, betriebliche Daten und die IT-Sicherheit.

  1. Private Kanäle respektieren

WhatsApp, Instagram und andere private Messenger sind keine selbstverständlichen Arbeitskanäle.

Wer Beschäftigte dort kontaktiert, trägt die Arbeit in deren persönlichen Rückzugsraum. Unternehmen sollten verbindlich festlegen, welche Systeme für welche Anliegen vorgesehen sind.

Gilt natürlich für beide Seiten! Man meldet sich auch nicht per WhatsApp krank.

  1. Reaktionszeiten definieren

Teams müssen wissen, wann eine Antwort erwartet wird.

Was kann bis zum nächsten Arbeitstag warten? Was ist ein echter Notfall? Wer ist dafür zuständig? Über welchen Kanal erfolgt die Eskalation? Eine E-Mail ist in der Regel kein Notruf.

Für echte Notfälle braucht es klar geregelte Bereitschaften und Vertretungen. Dann müssen nicht vorsorglich alle erreichbar bleiben.

  1. Zeitversetzt senden

Menschen arbeiten zu unterschiedlichen Zeiten. Wer gerne früh morgens oder spät abends schreibt, kann Nachrichten zeitversetzt zustellen lassen.

Der Hinweis „Antwort morgen reicht“ hilft. Noch konsequenter ist eine Nachricht, die erst morgen erscheint.

  1. Arbeitslast realistisch gestalten

Erreichbarkeit ist häufig ein Symptom zu hoher oder schlecht organisierter Arbeit.

Wer seine Aufgaben regelmäßig nur abends abschließen kann, braucht möglicherweise keine bessere Abschalttechnik, sondern andere Prioritäten, mehr Ressourcen oder funktionierende Vertretungen.

Eine Kultur der Nichterreichbarkeit muss deshalb auch die tatsächliche Arbeitsmenge prüfen.

  1. Führungskräfte sind Vorbilder (das erfordert keine „Masterkompetenzen“!)

Führungskräfte setzen Standards durch ihr Verhalten.

Wer selbst aus jedem Urlaub antwortet, spätabends Aufgaben verteilt und schnelle Reaktionen sichtbar belohnt, prägt eine Erreichbarkeitskultur – auch ohne ausdrückliche Anweisung.

Führung sollte deshalb lernen, zwischen eigener Flexibilität und der Wirkung auf andere zu unterscheiden.

Die ifaa-Checkliste (ich habe sie in einem alten Beitrag bereits einmal verlinkt: https://www.arbeitswissenschaft.net/fileadmin/Downloads/Angebote_und_Produkte/Checklisten_Handlungshilfen/Checkliste_Erreichbarkeit_Formular_zum_Ausfuellen.pdf) zur Gestaltung digitaler arbeitsbezogener Erreichbarkeit stammt aus dem Jahr 2016.

Ihre Grundfragen passen weiterhin:

  • Wer soll erreichbar sein?
  • Zu welchen Zeiten?
  • Aus welchem Anlass?
  • Über welchen Kanal?
  • Welche Reaktionsfristen und Vertretungen gelten?

Aber heute muss diese Prüfung erweitert werden:

Unternehmen sollten zusätzlich private Messenger, Dienstgeräte, hybride Arbeit, Zeiterfassung, psychische Belastungen, technische Versandoptionen und internationale Zusammenarbeit berücksichtigen.

Die Checkliste ist damit ein guter Ausgangspunkt. Sie ersetzt weder eine aktuelle rechtliche Prüfung noch die Auseinandersetzung mit der gelebten Unternehmenskultur.

Nichterreichbarkeit zeigt, wie gut ein Unternehmen organisiert ist

Zu einer funktionierenden Nichterreichbarkeit gehören beide Seiten.

Beschäftigte müssen Grenzen benennen, Übergaben vorbereiten und die freie Zeit anderer respektieren. Unternehmen schaffen die entscheidenden Rahmenbedingungen: Sie bestimmen Arbeitsmenge, Kommunikationswege, Zuständigkeiten und die Bewertung von Leistung.

Diese Verantwortung ist deshalb nicht gleich verteilt.

Ein Arbeitgeber kann Nichterreichbarkeit nicht predigen und gleichzeitig private Handys nutzen, schnelle Abendantworten honorieren und Urlaub ohne Vertretung organisieren.

Nichterreichbarkeit wird zum Asset, wenn Menschen wissen: Meine Abwesenheit ist eingeplant. Meine Grenzen werden respektiert. Und mein beruflicher Erfolg hängt nicht davon ab, ob ich mein Diensthandy auch am Strand im Blick behalte.

Dann steht Nichterreichbarkeit für gute Führung, verlässliche Prozesse und eine Arbeitskultur, die Leistungsfähigkeit langfristig erhält.

Urlaub ist schließlich mehr als ein anderer Ort.

Er beginnt dort, wo die Arbeit einen Menschen wirklich loslässt.

Schöne Ferien ☀️

 

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